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Veranstaltungsbericht

Der Realitätscheck von Renningen

Warum die Party vorbei ist – und die echte Arbeit jetzt erst beginnt.

Ramona Groh·November 2025·8 Min. Lesezeit
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Der Realitätscheck von Renningen

Foto: Ramona Groh

Es ist November, es ist grau, und wir sind in Renningen. Wer den Bosch Forschungscampus kennt, weiß: Das hier ist keine Silicon-Valley-Spielwiese mit Bällebad und Gratis-Smoothies. Das hier ist schwäbische High-Tech-Nüchternheit. Beton, Glas, klare Kanten. Und genau das ist das perfekte Setting für das, was wir heute erleben werden.

Zusammen mit meiner Kollegin Sandra Fischer bin ich zum zweiten Mal beim KI Innovation Summit des F.A.Z.-Instituts. Letztes Jahr lag noch eine knisternde Goldgräberstimmung in der Luft. Ein bisschen Hype, ein bisschen Panik, viel „Was wäre wenn“. Dieses Jahr? Die Stimmung hat sich gedreht. Wir sind in der Phase der Ernüchterung angekommen – im positivsten Sinne. Die Flitterwochen mit ChatGPT und Co. sind vorbei, jetzt geht es um den Ehevertrag, den Abwasch und die Frage, wer den Müll rausbringt.

Willkommen in der Werkstatt

Michael Kessler, der Hausherr und Standortleiter, macht gleich zu Beginn klar, wo wir sind: Hier, wo 2.300 Menschen aus 50 Nationen arbeiten, geht es nicht um „abgehobene Moonshots“. Es geht um Patente. Über 1.000 aktive sind es inzwischen. Wenn Bosch hier Simulationen durch KI um den Faktor 100 beschleunigt, dann ist das keine Spielerei, sondern knallharte Effizienz. „Wir setzen KI dort ein, wo sie echten Nutzen bringt“, sagt Kessler. Punkt.

Dieser pragmatische Ton zieht sich wie ein roter Faden durch den Vormittag. Dr. Tanja Rückert, CDO bei Bosch, spricht mir aus der Seele, als sie den Begriff der „Kollegin KI“ prägt. Keine allwissende Supermacht, die uns ersetzt, sondern ein Teammitglied. Aber: Dieses Teammitglied muss onboarded werden. Die Zahl, die hängen bleibt: 65.000. So viele Bosch-Mitarbeitende wurden bereits geschult – vom Anfänger bis zum Fortgeschrittenen. Das ist keine Weiterbildung mehr, das ist eine kulturelle Umerziehung. Rückert nimmt dabei die Führungskräfte in die Pflicht: „Zuerst ein Angebot schaffen, es vorleben und Erfolgsbeispiele zeigen – das ist Führungsaufgabe.“ Wer als Chef KI nicht nutzt, kann es von seinem Team kaum verlangen.

Der Geist braucht einen Körper

Das, was Sandra und mich besonders gefesselt hat, war der Blick in den Maschinenraum. Wir reden in der Kreativbranche gerne über Prompts und neuronale Netze, als wären sie ätherische Wesen. JP Feidner von Equinix holte uns ziemlich unsanft auf den Boden der Physik zurück. „Ein gesunder Geist lebt in einem gesunden Körper – bei KI ist das genauso“, sagte er. Der Körper, das sind die Rechenzentren. Und die haben Durst. Gewaltigen Durst nach Energie. Feidner malte ein Bild, das nachdenklich macht: In Hotspots wie Frankfurt wird heute schon mehr Strom verbraucht als produziert. Die Infrastruktur kommt kaum hinterher. „Das, was wir in 25 Jahren aufgebaut haben, müssen wir in einem Viertel der Zeit verdoppeln.“ Die Lösung? Liquid Cooling, Wärmerückgewinnung, Kreislaufwirtschaft. Ohne Muskeln (Strom und Kühlung) gibt es kein Hirn (KI). Diese physikalische Grenze ist der eigentliche Showstopper, nicht der fehlende Algorithmus.

Die Pilotfalle und die Angst vor dem Kontrollverlust

Nach der Mittagspause ging es ans Eingemachte: Warum klemmt es oft noch? Dr. Florian Mueller von Bain und Company brachte einen Begriff auf die Bühne, den ich mir fett im Notizbuch unterstrichen habe: Die Pilotfalle. Wir alle kennen das. Hier ein Pilotprojekt, da ein Testballon. Alles nett, alles spannend. Aber: „Die verpasste Chance liegt im fehlenden Integrieren und Skalieren.“ Mueller wurde deutlich: „Gewinner entwickeln keine KI-Strategie, sie entwickeln eine Geschäftsstrategie im KI-Zeitalter.“ Wie schwer das in der Praxis ist, zeigten die Diskussionen mit Vertretern aus Verwaltung und Infrastruktur. Während Startups rennen, muss Carolina Schiller von der Stadt Stuttgart das Vergaberecht beachten. „Wir sind in der Verwaltung etwas risikoscheu“, gab sie offen zu. Dieter Lagois vom EWR ergänzte: Bei kritischer Infrastruktur ist Sicherheit kein Feature, sondern die Basis.

„Gewinner entwickeln keine KI-Strategie, sie entwickeln eine Geschäftsstrategie im KI-Zeitalter.“

– Dr. Florian Mueller, Bain und Company

Wenn die KI die Phishing-Mail schreibt

Apropos Sicherheit: Hier wurde es kurzzeitig gruselig. Hanno Pingsmann (CyberDirekt) und Eduard Singer (KI Bundesverband) zerstörten die Illusion, dass wir Cyberangriffe noch leicht erkennen können. „KI kann mittlerweile E-Mails aus meinem Postfach schreiben, und meine Kollegen erkennen den Unterschied nicht mehr“, so Pingsmann. Die Angriffe werden billiger, massenhafter und intelligenter. Die Antwort darauf ist aber nicht nur bessere Software, sondern der Mensch. Irina Rosensaft nannte es „Cyberhygiene“. 80% der Angriffe funktionieren nur, weil wir – der Faktor Mensch – irgendwo draufklicken, wo wir nicht sollten. Wir brauchen eine „Human Firewall“.

Souveränität statt Isolation

Den strategischen Rahmen spannte Benedikt Bonnmann von der adesso SE. Sein Thema: Digitale Souveränität. Ein Begriff, der oft missverstanden wird als „Wir machen alles selbst“. Bonnmann stellte klar: Quatsch. Es geht nicht um Autarkie, es geht um Entscheidungsfreiheit. Wer sich zu 100% in einen Vendor-Lock-in begibt, wird „gestaltet“ statt zu gestalten. Sein Plädoyer für Multi-Cloud-Ansätze und Open Source war ein Weckruf an die europäische Wirtschaft: Nutzt die großen US-Modelle, aber baut eure Architektur so, dass ihr den Stecker ziehen könnt, wenn ihr müsst.

Ein Blick in die Kristallkugel

Zum Abschluss gaben die Gewinner des KI Innovation Awards 2025 noch einen Ausblick. Und der war erstaunlich geerdet. Ob Richard Arndt (discrete AR-Tefacts), der mit minimalen Datenmengen autonomes Fahren sicherer macht, oder Björn Hoffmann (Duden Learnattack), der 30% Lernzuwachs bei Schülern misst – die Lösungen sind da. Sie funktionieren. Und sie lösen echte Probleme.

Mein Fazit

Als wir am Abend den Campus verließen, rauchte uns der Kopf. Nicht wegen komplexer Formeln, sondern wegen der Erkenntnis: Die Party ist vorbei. Der Hype-Cycle flacht ab. Und das ist die beste Nachricht des Tages. Wir sind in der Phase der Produktivität angekommen. Es geht nicht mehr um Zauberei. Es geht um Stromleitungen, Mitarbeiter-Schulungen, Governance-Strukturen und Prozess-Integration. Das ist weniger glamourös als ein virales Midjourney-Bild, aber es ist das Fundament, auf dem unsere Zukunft steht.

In Renningen wurde eines klar: Technologie ist vorhanden. Der Engpass – und gleichzeitig die Lösung – sind wir Menschen. Ich freue mich auf 2026. Dann hoffentlich mit noch mehr „Kollegin KI“ und noch weniger Pilotprojekten.

„Mindset schlägt Tools.“

– Dr. Tanja Rückert, CDO Bosch

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